1. mai, genossen!

Veröffentlicht: Mai 1, 2008 in erlebnisse, kultur, medien, Politik, reda, Satire, sex, sinn, zürich

einmal im jahr treffe ich meine alten genossen aus der besetzerszene, die wilden revoluzzer von damals, inzwischen gemässigte sozialdemokraten, die das herz links tragen und die geldbörse rechts. den rücken vom alter und den autositzen schon ein wenig gebeugt, aber die gesinnung wenigstens einmal im jahr noch aufrecht, die faust mit den ehe- und siegelringen zum arbeitergruss geballt. der sogenannte graue block, sozusagen.

die frauen stossen demo-taugliche, dreirädrige, schweineteure panzerkinderwagen vor sich her, die männer haben sich extra zwei tage nicht rasiert. die orginale lederjacke aus den achzigern spannt um den wohlstandsschmer und die doc martens sind etwas verstaubt. man schickt die teenager vor, sollen die doch ihre feuertaufe in tränengas und pflasterstein erleben. selber geht man lieber aufs festgelände auf der kasernenwiese (das ist hier in zürich die wiese, die zur polizeikaserne gehört) und isst einen kebab. der stand der PKK macht immer noch die besten kebabs. mit viel zwiebeln und viel scharf. an all den ständen deckt man sich mit revolutionärer literatur über alle üblen länder und deren fiesen kapitalistischen herrscher ein. und über das reich des bösen, die USA. (naja, eigentlich sind die amis nicht böse. sie sind nur etwas blöd.) das macht sich gut in der bibliothek, ist aber leider etwas langatmig, um wirklich gelesen zu werden. dann trifft man die alten genossen und schwelgt in erinnerungen. jedes in ehren empfangene gummigeschoss wird lobend erwähnt…

leute, ich bin auch einer von denen. ich mache ja schliesslich boulevard-journalismus, heute muss ich sogar arbeiten, bilder der zu erwartenden krawalle müssen dem leser ja zugänglich gemacht werden.

aber ich hab glück gehabt. das eigentlichE tradtionelle zürcher 1. maifest findet morgen statt. weil, so die stadtverwaltung, vielleicht weniger kaputtgeht, wenn fest und demo icht am selben tag stattfinden. als ich noch zum schwarzen block gehörte, hätte ich mir zu so einer idee gedacht: goil, gleich zwie tage für randale!

aber zurück zum verrat an den alten idealen. irgendwer hat mal gesagt, wenn du mit zwanzig kein revolutionär bist, hast du kein herz. wenn du mit vierzig noch immer revolutionär bist, kein hirn. und marx war ein excellenter denker und theoretiker, aber von menschen hatte er keine ahnung. lenin hingegen kannte den menschen sehr gut, hatte aber von integrität keine ahnung. naja, waren eben auch nur menschen…

der richtige verrat, den ich verübe, liegt aber nicht etwa im loslassen der alten linken dogmen, sondern in der pressesprecherin der Stadtpolizei Zürich. die frau hödl. die ist voll scharf. ich versuch jedesmal, sie an den draht zu bekommen, wenn ich mit denen zu tun habe. der andere, der cortesi, ist ein langweiler. also flirte ich immer mal wieder mit frau hödl. meine genossen würden mich wohl standrechtlich erschiessen, wenn sie nicht gerade ihre s-klasse waschen oder steuern hinterziehen müssten.

aber wenn ich ehrlich bin, schlägt mein herz noch immer im rot der kommunisten und im schwarz der anarchisten. wenigstens eine utopie braucht der mensch..

in diesem sinne:

hoch die internationale dingsda

gleich zwei filmchen zum thema:

und

Kommentare
  1. paradalis sagt:

    mein lieber, pass auf dich auf.
    🙂

    und was marx anbelangt, da irrst du. er hatte durchaus ahnung vom menschen, auch wenn er damit vielleicht nicht hausieren ging.
    hier mal zwei seiner gedichte, für seinen vater geschrieben:

    In seinem Sessel…

    In seinem Sessel, behaglich dumm,
    Sitzt schweigend das deutsche Publikum.
    Braust der Sturm herüber, hinüber,
    Wölkt sich der Himmel düster und trüber,
    Zischen die Blitze schlängelnd hin,
    Das rührt es nicht in seinem Sinn.
    Doch wenn sich die Sonne hervorbeweget,
    Die Lüfte säuseln, der Sturm sich leget,
    Dann hebt’s sich und macht ein Geschrei,
    Und schreibt ein Buch: „der Lärm sei vorbei.“
    Fängt an darüber zu phantasieren,
    Will dem Ding auf den Grundstoff spüren,
    Glaubt, das sei doch nicht die rechte Art,
    Der Himmel spaße auch ganz apart,
    Müsse das All systematischer treiben,
    Erst an dem Kopf, dann an den Füßen reiben,
    Gebärd’t sich nun gar, wie ein Kind,
    Sucht nach Dingen, die vermodert sind,
    Hätt‘ indessen die Gegenwart sollen erfassen,
    Und Erd‘ und Himmel laufen lassen,
    Gingen ja doch ihren gewöhnlichen Gang,
    Und die Welle braust ruhig den Fels entlang.

    und:

    Der Wassergreis

    Wasser rauscht so seltsam dort,
    Kreist sich in Wellen fort,
    Glaubt wohl! es fühle nicht,
    Wie sich die Woge bricht,
    Kalt sei’s im Herzen, kalt in dem Sinn,
    Rausche nur, rausche nur hin.

    Doch in den Wellen, im Abgrund heiß,
    Sitzt gar ein alternder Greis,
    Tanzt auf, tanzt ab, wenn der Mond sich zeigt,
    Wenn Sternlein aus Wolken steigt,
    Springt gar seltsam und ringt gar sehr,
    Will trinken das Bächlein leer.

    Wellen sind ja die Mörder sein,
    Zehren und nagen des Alten Gebein,
    Grinzt ihm eisig durch Mark und Glied,
    Wenn er die Wogen so springen sieht,
    Schneid’t gar ein bängliches Wehgesicht,
    Bis Sonnenglanz Mondtanz verbricht.

    Wasser rauscht dann so seltsam dort,
    Kreist sich in Wellen fort,
    Glaubt‘ wohl, es fühle nicht,
    Wie sich die Woge bricht,
    Kalt sei’s im Herzen, kalt in dem Sinn,
    Rausche nur, rausche nur hin.

    hier findest du ganz viel von ihm, ua. auch liebesbekundungen an seine jenny.

    http://www.hs-augsburg.de/~Harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Marx/mar_ge00.html

    schönen arbeitstag und viele grüße
    h.
    🙂

  2. redder sagt:

    lies die gedichte nochmals, u nd zwar im zeitgeist von damals und du wirst einen intelektuellen entdecken. marx hatte die schlimmste aller krankheiten, er war ei romantischer intellektueller. sein umgan mit frauen oder mit anderen rassen war mehr als fragwürdig, wenn auch dem zeitgeist entsprechend. mit marx ist wie mit allen denkern.: sie können nur ganz wenig über den rand ihrer gesellschaft hinausblicken. und trotzdem hielt er sich für fähig, der welt ein neues konzept zu geben. konzeote sind gut, solange keine idioten versuchen, sie umusetzen. marx war als wirtschaftswissenschaftler in seiner zeit gar nicht so schlecht. aber er ignorierte die unvollkommenheit des menschen. er löste das moralische dilemma, in dem er den einen die schuld und den anderen die freiheit geben wollte. guter ansatz, aber funktioniert leider nicht. weder im kommunismus noch im faschismus.
    aber wir haben noch hoffnung. solange wir mehr mitempfinden mit den leute haben, die wir kenne n, als mit denen, die wir auf RTL oder in der tagesschau sehen, solange wir erst mit unseren nachbarn auskommen, bevor wr versuchen, den weltfrieden umzusetzen, solange wir menschen gegenüber tolerant, ideen gegenüber skeptisch und der WAHRHEIT gegenüber indifferent sind, ist noch nicht ales verloren. 🙂

    oder wie mein alter freund ice-t sagen würde: “mankind is a f****** f***** s*** bit**** and should f**** till ** ***”

  3. paradalis sagt:

    natürlich hängt es alles mit der leseart zusammen. auch interpretation genannt. nur unterliegt diese nicht auch den verschiedensten stimmungen des lesers?

    heute bin ich „lieblich“ drauf, also lese ich es romantisch verklärt.
    morgen ist mir vielleicht nach einer intellelektuellen sichtweise, dann lese ich es ähnlich wie du oder andere.
    aber gut, in einem hast du vielleicht recht.
    marx „lieblich“ zu lesen und zu interpretieren, ist nicht jedermanns/frau sache.

    🙂

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