gute zeiten, schlechte zeiten

Veröffentlicht: August 27, 2008 in bildung, erlebnisse, geschichten, kultur, Politik, reda, sinn, stil, zürich
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heute musste ich für m. meine niedergeschriebene lebensgeschichte wieder zusammensuchen. er wird jetzt sozialpädagoge und braucht meine geschichte als fallbeispiel. ich fühle mich geehrt (seine eigene durfte er wohl nicht benutzen).

und wies halt so ist mit alten texten, man beginnt zu lesen und glaubt einfach nicht, dass ein so übles machwerk aus der eigenen feder stammt. und natürlich stimmen die meisten fakten, aber trotzdem hat die geschichte, nicht wirklich etwas mit mir zu tun. klar, die ganzen geschichten aus der bewegung waren definitiv spannend. und ich hatte auch wirklich gute momente.

aber diese geschichte liest sich wie ein krimi. ein drama nach dem anderen. pistolen, drogen, revolution und sex. naja, sex nicht sonderlich viel, da ich meistens weder zeit noch energie dafür hatte. was für eine verschwendung.

und natürlich kommt einiges zusammen, wenn man fünfzehn jahre wildes leben auf 30 seiten zusammenquetscht. und die fakten stimmen.

aber das ist nicht die ganze wahrheit. die dramen fanden nur zur vollen stunde statt, die sechzig minuten dazwischen waren erbärmlich, langweilig und voller angst.

erzählt habe ich nicht von der paranoia, die mich nur noch bei nacht und bewaffnet aus dem haus gehen liess. nicht von den leuten, die wöchentlich abgekratzt sind, an deren namen ich mich nicht mal mehr erinnern kann (hier sei ihnen gedacht). es ist nicht das erbärmliche zusammenkratzen des letzten geldes erwähnt, oder all die lügen. die lügen legten sich schichtweise übereinander, bis ich selbst nicht mehr wusste, welche gerade die aktuelle war, geschweige denn ein bewusstsein für wahrheit. nie ist die rede von depression, selbstekel und beschämender angst vor der welt.

und was überraus auffällig bei dieser niederschrift ist, dass es sich immer um mich dreht. wenn jemand gelitten hat, war ich es, wenn jemand edel gehandelt hat, war ich es. die menschen, die unter meinem lebenstil gelitten haben sind nur am rande erwähnt, die meisten überhaupt nicht. die exzesse waren meist nicht rühmlich sondern einfach eklig.

was mich zu einem nebensatz zu den botellons bringt. ein kleiner prozentsatz der idioten, die das geil finden, hat den gleichen weg vor sich wie ich damals. die armen schweine.

ich denke, ich setze mich nochmals hin und schreibe den ganzen scheiss nochmals. vielleicht kann ich nicht mehr schreiben wie es wirklich war, aber bestimmt komme ich der wahrheit heute ein stückchen näher…

ach ja, heute hab ich vielleicht ab und zu einen schlechten tag. damals hatte ich schlechte monate 🙂

Kommentare
  1. stadtmensch sagt:

    Mach doch aus 30 Seiten 200, dann gibts ein Buch? Auch wenn’s kein Zuckerschlecken war, interessant ist es alleweil.

  2. Zwingli sagt:

    Diesen Text sehr gern gelesen! Die Überarbeitung dann auch. Die aktuell vorliegende Version glaubs lieber nicht. Höhö.

  3. Zwingli sagt:

    ach ja, vergessen: Der Titel lutscht irgendwie.

  4. redder sagt:

    he, der titel ist originaö von mir!

  5. a. sagt:

    …d’bewegig isch imfall i de 80er jahr gsi, gäll 😉

  6. redder sagt:

    was 80er jahr?

    wo immer naive idealisten die revolution fordern,
    wo immer hausbesetzer um die küchenordnung streiten
    wo immer gewaltätige idioten denken, sie könnten schnell etwas verändern
    wo immer freiräume erobert und mit überteuerten bars und szenebeizen belegt werden
    wo immer kommunisten kämpfen, die knapp den buchumschlag von marx‘ kapital gelesen haben

    da findet die bewegung statt.

  7. Nele sagt:

    Die Wahrheit …

    … ist jeden Tag eine andere …

    … wenn es „die Wahrheit“ überhaupt gibt …

    (mach ich mir auch oft Gedanken drüber)

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