rechtsstaat, anarchie und faschismus

Veröffentlicht: Oktober 7, 2009 in bildung, erlebnisse, gender, klugscheiss, kultur, leben, medien, Politik, reda, sinn, stil, terror, zürich

einige meiner alten genossen fragten völlig irritiert, wieso ich mich, als alter anarchist, in der angelegenheit polanski so vehement für den rechtsstaat einsetzte.

naja, viele meiner alten genossen denken, der rechtsstaat sei im besten falle dazu da, die gesellschaft vor den verbrechern zu schützen, im schlimmsten falle ein instrument der unterdrückung.

wenn man aber ein wenig zurückschaut in der geschichte, stellt man fest, dass es nicht die antifaschistischen abendspaziergänge oder die häuserbesetzer waren, die den faschismus in die schranken wiesen. es war der rechtsstaat.

faschistische bewegungen konnten erst gefährlich werden, nachdem sie den rechtsstaat ausgehebelt hatten.

eine gesellschaft kann mit einem mass an individuellem verbrechen klarkommen. aber der rechtstaat verhindert, dass machtgierige idioten die regeln ändern und organisierte unterdrückung etablieren.

einfach gesagt: was der verbrecher nicht darf, wissen wir. was der polizist nicht darf, sagt uns der rechtsstaat.

die autonomen, die paranoiden verschwörungstheoretiker und die antifaschistische bewegung brauchts. aber nicht als speerspitze des kampfes. sie sind eher das für die gesellschaft, was der kanarienvogel für den minenarbeiter ist.

liegt gift in der luft, sind sie die ersten, die draufgehen. und dann sollten wir wirklich alarmiert sein.

was die anarchie betrifft, ist es ganz einfach. bakunin ging bei seiner anarchistischen utopie davon aus, dass der mensch mündig und verantwortungsvoll ist. ein fehler vieler grosser vordenker.

ich gehe davon aus, dass der mensch ein gutmütiger vollidiot ist, der sich wirklich bemüht, es aber einfach nicht besser hinkriegt.

wenn ich anarchist bin, heisst das für mich, dass ich verantwortung für mich und meine nächsten übernehme. nach meinem gewissen. viele der herrschenden gesetze decken sich zufällig mit meinem gewissen, andere nicht. im zweifelsfalle anerkenne ich keine andere autorität als mein gewissen.

damit ich anarchist sein kann, brauche ich eine funktionierende (direkte) demokratie um mich rum. im faschismus wär ich ein toter anarchist, in der anarchie wär ich nur ein egozentrischer idiot unter anderen egozentrischen idioten…

also bin ich nebenbei auch noch notfalldemokrat. die beste aller schlechter staatsformen, das geringste übel sozusagen….

wenn wir denn mal reif und erwachsen sind, brauchen wir vielleicht keinen staat mehr.

anarchistsymbolfigur

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Kommentare
  1. Marc Rohrer sagt:

    Wie wahr, wie wahr..

  2. till sagt:

    ….ansich super…doch beinhaltet die Demokratie durchaus faschistische Elemente heir z.B. in den vereinigten Staaten (wie könnts auch anders sein) werden in 90% der Fälle die direktdemokratischen Werkzeuge von der Bevölkerung dazu benutzt Minderheitenrechte einzuschränken. (vgl.Housing, Gay rights initiatives, public education etc.) also ist der Mensch wohl auch ein wenig grundfaschist..was eine anarchistische Gesellschaft wohl zu einer Ansammlung kleiner faschistischer Gruppen machen würde.
    Der Rechtsstaat ansich, da geb ich dir völlig Recht, ist jenes Element dass uns vor den Faschisten beschützt, aber nicht vor faschistischem Denken oder Handeln ansich.
    ml

  3. redder sagt:

    deshalb halte ich die schweizerische direkte demokratie auch für ein mehr oder weniger geeignetes mittel, einen staat zu führen.

    und vor faschistischem denken schützt uns nichts. das wirds immer geben.

  4. werauchimmer sagt:

    [quote]
    … ein gutmütiger vollidiot ist …
    [/quote]
    wie kommst du darauf, dass der mensch gutmütig ist? Der Mensch tendiert m.E. massiv mehr zu dem, was in der allgemeinen Moral als schlecht denn als gut angeschaut wird. Der Mensch ist m.E. ein Raubtier. Solange es wohlgenährt und genügend beschäftigt ist, tendiert es aufgrund von Bequemlichkeit zu Kooperation. Dies aber auch nur aus nutzenoptimierenden Überlegungen. Nur schon der Humor, welcher eigentlich immer und fast nur aus Schadenfreude besteht, ist eine Verneinung deiner Ansicht eines gutmütigen Idioten.

  5. hanns blunck sagt:

    auch ich bezeichne mich seit jeher, mindestens seit 40 jahren, als anarchist. auch mir wird zusehends klar, dass ich, umso älter ich werde desto mehr, klare strukturen brauche, um frei für mich und meine lieben leben zu können. du hast schon recht, wenn du sagst, der mensch sei eher ein vollidiot als ein verantwortliches leben. ich spreche von menschen im allgemeinen auch eher verächtlich, mit ausnahmen versteht sich. daher ist es gut, wenn der rechtsstaat stark ist und übertretung der gesetze geahndet wird, ein sehr weiter individueller rahmen dessen, was für mich persönlich gilt, ist aber die voraussetzung!

  6. M sagt:

    Ein Land (wie die USA) das für seine Grösse gerade mal den einen Präsidenten wählen darf und aus zwei Parteien wählen kann, anerkenne ich nicht als Demokratie..! Das nennt sich vielleicht so. Wäre aber hier echt mal zu definieren. Nicht mal Deutschland empfinde ich als gerechte Demokratie. Darum ist das deutsche Volk mit seiner Politik und seinem Zustand auch so unzufrieden. Die EU bestimmt wie krumm die Bananen sein müssen und selbst können sie nicht mal über ihre eigenen Gesetze mitreden.

    Nur direkte Demokratie ist eine halbwegs annehmbare Option. Wir habens echt recht gut hier..wir Schweizer.

  7. redder sagt:

    @werauchimmer: ja, mit dem bösen zu spielen, ist sehr verführerisch. aber böse zu sein? das kriegt fast keiner richtig hin. das ist in etwa so, wie ein messer bei sich zu tragen oder jemanden niederzustechen.

    die übelsten dinge geschehen aus gutem willen…

  8. werauchimmer sagt:

    @redder
    gut und böse sind für mich leere begriffe, da sich deren definition zu oft (so alle 50 jahre oder so) grundlegend ändert.
    selbstverständlich wäre eine rein destruktive einstellung sehr negativ für den eigenen outcome, da man dann aus der gesellschaft ausgeschlossen wird bzw. gefängnis zu befürchten hat. die frage ist, wenn man keine konsequenzen zu befürchten hätten, wären die menschen immer noch gut in der aktuellen definition (d.h. nicht stehlen etc.) oder würde sich dies innert kürzester zeit ändern.

    bilder aus krisengebieten, wo das gesetz und die bestrafung von gesetzesbrechern zusammengebrochen sind zeigen, dass sich diese dann bereichern wollen. also ist deine these vom gutmütigen vollidioten nicht zu halten und man muss den gutmütigen wegnehmen. das einzige, was das tier mensch dazu antreibt, anständig und „gut“ zu sein ist der vorteil daraus bzw. die bestrafung aus der nichtbefolgung.

  9. redder sagt:

    hm, freude am leiden anderer enpfinde ich als böse. aber meist ist das absichtlich „böse“ einfach krank, da hast du schon recht.

    gegen eine seelische krankheit hilft aber auch kein gesetz.

    doch noch immer muss ich sagen, dass die meisten menschen, die ich in meinem leben getroffen hab, sich bemühen, nach ihrem eigenen verständnis keine arschlöcher zu sein. sie kriegens einfach nicht besonders gut hin.

  10. werauchimmer sagt:

    Ob böse oder nicht ist irrelevant. Es ist witzig. Und das einzige worüber du lachen kannst. Die Frage ist nur, wie lange du noch lachen kannst. Wenn ein Sportler z.B. in einem 100 Meter-Lauf umfällt, sich aber nicht verletzt, wirst du es wohl witzig finden. Die Frage ist, kannst du noch lachen wenn du verhungernde Kinder siehst und darüber Witze reissen?

    Wenn du mir nicht glaubst, dass Humor aus dem Schaden dritter besteht, erzähl / zeig mir etwas lustiges, in dem nichts und niemand zu Schaden kommt.

    Natürlich versuchen die meisten Menschen, nach eigenen moralischen Grundsätzen zu leben. Es wird allerdings vollkommen ignoriert, wie der Mensch von der Natur geschaffen (d.h. wie die Evolution in den letzten paar Millionen Jahren) wurde. Deshalb handelt der Mensch in einer für uns moralisch oftmals fragwürdigen bzw. falschen Art.

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