verliebtsein, liebe und projektion

Veröffentlicht: Januar 10, 2010 in beziehung, bildung, erlebnisse, gender, klugscheiss, kultur, leben, liebe, reda, sex, single, sinn, Uncategorized

ich sei ein gefühlsverarmter vollidiot. meinte eine ex-freundin.

einige zeit zuvor meinte sie, ich sei gottes seeligmachende antwort auf alle idiotischen männer. dabei war ich die ganze zeit derselbe. ich veränderte mich nur in ihrer hormongesteuerten wahrnehmung

ich verliebe mich nicht mehr. (und jetzt verschont mich  mit „es muss nur die richtige kommen“).

ich verliebe mich nicht mehr, weil es für einen ex-süchtigen elementar wichtig ist, sofort zu merken, wann er sich selbst was vormacht.

ich verliebe mich vielleicht für einen oder zwei tage, dann schrillt mein realitätsalarm und bringt mich zurück. die achtsamkeit hab ich mir antrainieren müssen, um irgendwie zu überleben.

sobald mein geigerzähler anschlägt, sehe ich wieder den menschen vor mir, nicht die hormongeborene projektion, die mein venebeltes hirn auf die persönlichkeitsleinwand meines gegenübers wirft.

man ist nie in die person verliebt, die einem gegenübersteht, sondern in eine vorstellung, wie diese person sein könnte.

ich sei unromantisch? nein, keinesfalls.  meine art der liebe ist nur nicht wie ein verzehrender steppenbrand, sondern eher wie eine aus alten eichenbalken geschürte glut.

wenn ich jemanden in mein herz schliesse, ist es, weil dieser mensch langsam in mein leben wächst. die wenigsten menschen habens geschafft, diese liebe wieder zu verlieren. und einige haben sich echt mühe gegeben.

nie würde ich jemanden ganz für mich alleine wollen. das ist, wie wenn man sich in ein tier in freier wildbahn verlieben würde und dann überrascht ist, dass es sich in gefangenschaft verändert.

ich erzähl euch jetzt mal was über liebe und egozentrik. liebe zeigt sich bestens nach einer trennung: es ist, wenn man seinem gegenüber auch dann noch das allerbeste wünscht und sich für sie über den neuen partner freut.

liebe ist nicht die dramatik, mit der man seinem partner zeigt, wie schwer man ohne ihn leidet.

liebe ist nicht, noch eintausend smsen zu schreiben, wenn man verlassen wird. das ist egozentrik und huldigt nur der eigenen verletztheit.

es war übrigens nicht gott oder die evolution, die die verliebtheit als begehrenswerten zustand ins sozialverhalten des modernen menschen gepflanzt haben. es war hollywood.

bis ende des 19. jahrhunderts hat man aus handfesten wirschaftlichen gründen geheiratet. dann kamen die ersten arztromane und später die ersten liebestragödien im kino.

ok, ob mir das verliebtsein manchmal fehlt?

ja, sicher, manchmal sogar sehr.

ob ich es gegen die erworbene gelassenheit eintauschen würde?

nein.

ich hab nie menschen (mich eingeschlossen) nachhaltiger emotional verletzt, als in den zeiten, in denen ich dachte, ich sei unsterblich verliebt, oder meine liebe sei wichtiger als das befinden meines gegenübers.

so, genug gepredigt für heute 🙂

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Kommentare
  1. Sofasophia sagt:

    „wenn ich jemanden in mein herz schliesse, ist es, weil dieser mensch langsam in mein leben wächst. die wenigsten menschen habens geschafft, diese liebe wieder zu verlieren.“

    was ne predigt! sehe ich genau so. ausserdem geben eichenbalken länger warm! 🙂

  2. Barbara sagt:

    Genial zutreffend!

  3. pixeldrawer sagt:

    Aaah, wenn nur alle so weise wären!

    Wie oft habe ich schon solchen Dramen zuschauen müssen? Ehrlich gesagt, finde ich diese Drama-Schieberei infantil. Eine Trennung kommt nie ohne Vorwarnung, Vorzeichen. Das ist nicht wie ein tödlicher Unfall.

    Schreibst du gerade an einem Beziehungslehre-Buch? Könntest du das als Pflichtlektüre für alle Sek-Schüler machen? Kthxbye!

  4. Benno sagt:

    Du hast natürlich recht mit dem was du schreibst. Verliebtsein hat nichts mit Liebe im eigentlichen Sinn zu tun.

    Dass du Menschen nie nachhaltiger verletzt hast, als in den Zeiten wo du verliebt warst, glaub ich dir sofort, das hat jeder schon mal, der nicht wirklich gefühlstot ist. Die neuerworbene Gelassenheit wieder eintauschen solltest du deswegen natürlich nicht.

    Deswegen sich aber nicht mehr zu verlieben, halte ich für einen grossen Fehler, denn das ist imho mindestens so egozentrisch, wie jemanden in der eigenen Verliebtheit zu verletzten, imho sogar schlimmer, das es mit Vorsatz geschieht.

    Warum nicht die neuerworbene Gelassenheit nutzen, um die richtige, wenn sie dann kommt, bei sich zu halten und etwas gemeinsam aufzubauen? Das ist alleweil besser, als die ganze Energie für das eigene Ego verpuffen zu lassen und dabei wenn möglich noch massenhaft gebrochene Herzen hinter sich zu lassen… Den ganz alleine wirst auch du nicht können bis ans Lebensende!

    …und sorry wenn ich nicht glaube, dass aussgerechnt du derjenige bist, der das Wesen unserer Zeit ändern wird. Hollywood hin oder her, wir sind alle Gefangene unserer Zeit und sollten nicht so tun als könnten wir alleine glücklich werden, denn unsere Gefühle und unser Tun ist immer nur soviel wert, wie die Reaktionen darauf. Da sollten wir uns keine Illusionen machen. Oder warum sonst schreibst du deine banbrechenden Erkenntnisse hier rein…? 😉

  5. redder sagt:

    Ach, benno, ich hab doch gesagt, ihr sollt mir nicht mit der „richtigen“ kommen…

    Ausserdem bin ich zur zeit der zufriedenste mansch, den ich kenne. Ausser natuerlich der dalai lama. Ich hab auch mehr zu geben als frueher.

    Verliebt euch ruhig, ich mags euch goennen. Fuer mich ist es nichts. Wohl der preis, den ich fuer meine art zu leben zu zahhlen hab.

    • Benno sagt:

      Weisst du… Eigentlich deckt sich dein Text so ziemlich mit meinen Erfahrungen. Und ich glaube auch dass man zuerst eine gewisse innere Ruhe und Zufriedenheit erreichen muss, um eine Beziehung so wie sie sein sollte führen zu können.

      Naja an den Mythos mit der „Richtigen“ glaube ich auch nicht so recht. Die Richtige ist wohl die, welche du im „richtigen“ Moment in der „richtichtigen“ Stimmung triffst. Die Chemie muss stimmen und es muss eine gewisse gegenseitige Anziehung da sein. Wenn dann beide bereit sind für die Beziehung zu arbeiten, könnte daraus echte Liebe entstehen…

      Mag sein, dass die Chance so eine Beziehung zu haben, verschwindend klein ist. Trotzdem hab ich noch nicht aufgehört daran zu glauben. Tja ich bin da warscheinlich ein hoffnungsloser Romantiker. 😉

      Wie gesagt ich verstehhe deinen Text absolut, auch respektiere ich deine Schlussfolgerungen und deine Art mit diesen Erkenntnissen umzugehen und gönne dir selbstverständlich dein zufriedenes Leben. Meine Schlussfolgerungen und Ziele daraus sind ein wenig anders und ich werde mich selber damit warscheinlich noch mehr als einmal entäuschen…

      Die Hoffnung stirbt zuletzt, wie es so schön heisst. 😉

      • redder sagt:

        ein freund meinte mal, hoffnung sei der langsame weg in die verzweiflung 🙂

      • Benno sagt:

        Tja die Hoffnung alleine bringt einem sicher nicht weiter… Man muss schon etwas tun für seine Ziele.

        Ganz allgemein gesehen würde ich aber sagen hat dein dein Freund schligt und ergreifend unrecht. 🙂

  6. Hartmann von ôuwê sagt:

    «es war übrigens nicht gott oder die evolution, die die verliebtheit als begehrenswerten zustand ins sozialverhalten des modernen menschen gepflanzt haben. es war hollywood.»

    Wenn ich da auch mal klugscheissen darf: Hollywood hat nur abgeschrieben. Bei den Romanautoren des 17. Jahrhunderts, die wiederum im Mittelalter abgeschrieben haben, bei den Minnesängern.

    Sacht mir iezt, waz ist minnne?

    • Benno sagt:

      Minne (mhd. Liebe) ist eine spezifisch mittelalterliche Vorstellung von gegenseitiger gesellschaftlicher Verpflichtung, ehrendem Angedenken und Liebe, die die adlige Feudalkultur des Hochmittelalters prägte. Das mittelhochdeutsche Wort minne wird seit dem 19. Jahrhundert als literaturgeschichtlicher und rechtshistorischer Fachbegriff gebraucht.

      …und danke für diesen Beitrag! 😉

  7. canela sagt:

    DICH packt es auch noch! da verwette ich doch meine eier, die ich nicht habe.

    • redder sagt:

      mich packt es immer wieder. nur hälts nicht länger als ein paar tage an. und mich hats früher auch schon länger gepackt. aber fürs verliebtsein brauchts eine sehnsucht nach verliebtsein und die bereitschaft, sich hineinzusteigern. das fehlt mir gänzlich

  8. animaxima sagt:

    Reda wir alle brauchen Leidenschaft in unserem Leben ohne diese leben wir auf Sparflamme und die Leidenschaft gehört nun mal auch zur Verliebtheit. Natürlich veräuft das Leben ohne sie ruhiger, weil uns weniger bewegt. Aber ist es das wirklich was Du, was wir wollen? Bestimmt nicht, es ist nur der Glaube daran, dass wir so nie mehr verletzt werden oder jemanden verletzen. Ohne Leidenschaft verarmt unser leben. Ich will das mit Sicherheit nicht auch wenn es manchmal weh tut.
    http://animaximas.wordpress.com/2009/09/07/pladoyer-fur-die-leidenschaft/

    • Benno sagt:

      full ack! …und damit wir unsere Leidenschaften wirklich geniessen können brauchen wir diese Ruhe. So gesehen ist Redder auf dem richtigen Weg aber noch nicht am Ziel angelangt, obwohl er es hier so darstellt. Aber vieleicht ist das ganze auch nur eine Provokation oder ein Hilfeschrei, während dem er irgendeiner Tussi, die ihn nicht wirklich mag das Kuscheln beibringt… 😀 Sorry der musste jetzt sein! Nicht bös gement. *DUCKUNDWEG* 😉

  9. redder sagt:

    leidenschaft hat nur begrenzt mit dem zustand der verliebtheit zu tun.

  10. animaxima sagt:

    Thanks, Reda, for every single time you ever fell in love.

    Whether or not it was obvious. Whether or not it lasted. And whether or not you were loved back.

    It changed everything. 🙂

  11. Benno sagt:

    …und jetzt kommt die absolute Wahrheit! *gg*

    Redder macht hier nichts anderes als das was er den Verliebten vorwirft. Er projeziert sein Unvermögen auf den Rest der Welt und entschuldigt sein Handeln damit, dass es es weh tut…

    Dazu sag ich nur…

    Ja das Leben ist wunderschön und gleichzeitig grässlich! Das Leben ist in einem Moment sanft und innig und in der nächsten Minute hart und zurückweisend.

    Wer mit diesen Tatsachen nicht zurechtkommt oder zumindest versucht damit zurechtzukommen, hat nicht gelebt! Punkt!

  12. Diejeinige Welche sagt:

    Wie gesagt, jedem sein eigenes Leben, seine eigene Einstellung. Ich finde nur, man sollte nicht von vorne herein verschlossen sein auf alles, womit das Leben überraschen kann.

    Ich kann nur sagen, meine Mutter war ihr ganzes Leben lang mit demselben Mann verheiratet, der seines Zeichens bis er meine Mutter traf, genau dieselbe Einstellung hatte wie Du.

    Und ich für meinen Teil kann nur sagen, dass ich meine Gefühle nicht steuern kann. Ausserdem behaupte ich, dass ich in meinen Partner als Mensch verliebt bin. Und nicht in das, was ich mir wünsche, dass er sein könnte. Ich glaube aber auch, dass nur Menschen, die sich selbst bedingungslos lieben können, überhaupt fähig sind, solche Gefühle anderen gegenüber zu entwickeln.

    Aber eben. Das ist nur meine Meinung. Und meine Wahrheit.

  13. paule_zwo sagt:

    What do you get when you fall in love?
    You only get lies and pain and sorrow
    So for at least until tomorrow
    I’ll never fall in love again

    Es ist kaum zu glauben, aber in diesem Punkt sind wir uns ausnahmsweise mal einig.

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